Was geschah am 15. September 1983 ?

Im Laufe der zurückliegenden rund 200 Jahre hat das Gebiet um Weißensee wiederholt erleben können, daß die Eroberung der Luft auf unterschiedliche Weise stattfinden kann und mit der 1788 erfolgten Landung des Luftschiffers Blanchard am Rande von Karow die Fülle der friedlichen Kontakte zwischen Himmel und Erde erst begonnen hatte. Der berühmte Restaurateur Sternecker, der das Schloß Weißensee zu einem >Weltetablissement< gestaltet hatte, ließ ebenfalls Ballons aufsteigen, zum Teil vorsichtshalber mit Tieren „bemannt“ sowie auch Männer und – damals sehr ungewöhnlich – wiederholt Frauen mit Fallschirmen über dem Weißen See abspringen. Aus dem Jahre 1907 existieren Fotos, die, aus einem über dem Ort dahingleitenden Ballon entstanden, klare Einsichten in den im Aufstreben begriffenen Vorort Berlins und vor allem das lebhafte Baugeschehen dieser Zeit ermöglichten. Vor 25 Jahren jedoch geschah etwas, was alles bisherige in den Schatten stellte:

Am 15. September 1983 gegen 7.45 Uhr landete auf dem erst kurz zuvor abgeernteten Feld des St.-Joseph-Krankenhauses – heute befinden sich hier die Hansastraße und die inzwischen entstandenen Wohnbauten – ein Ultra-Leichtflugzeug vom Typ >QUICK SILVER MX, gesteuert von seinem Piloten, Swami Vishnu Davananda, 55jährigem Inder mit kanadischem Paß. Dieser traf zuerst auf den dort arbeitenden Verantwortlichen des Krankenhauses für dessen landwirtschaftliche Tätigkeit und verlangte, schnellstens mit der Polizei Kontakt zu bekommen. Auf englisch machte er deutlich, daß ihm an dem Zusammentreffen mit Polizisten sehr gelegen sei, da er sich für die Demonstration friedlichen Lebens auf der Welt auf diese Reise gemacht habe. Es dauerte offenbar doch länger als erwartet, daß Uniformierte eintrafen und Swami die eigens mitgebrachten Blumen, die zuerst den herbeigeeilten Mitarbeitern des Krankenhauses überreicht worden waren, auch an die „Organe der Staatsmacht“ verteilen konnte. Der Mönch wurde anschließend der Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit im Berliner Präsidium der Volkspolizei übergeben, wo sich die „Gesprächspartner“ durchweg als Angehörige der Volkspolizei vorstellten, natürlich nicht als Männer des Geheimdienstes. Hier fand die – wie es in den Aufzeichungen in der „Birthler-Behörde“ heißt, - „informatorische Befragung“ statt. Daß sie so unverfänglich hieß und nicht, wie bei einem Grenzverletzer zu erwarten, eine Vernehmung war, dürfte seine Ursache darin gehabt haben, daß der Flug über die Mauer bereits längere Zeit vorher angekündigt worden war, die DDR wohl an betont friedensstiftenden Maßnahmen nicht unbeteiligt bleiben wollte und ausgerechnet an diesem Tage der neue Regierende Bürgermeister von Berlin(West) zu einem „Betriebsausflug“ in der DDR war. So blieb es bei freundlichen Gesprächen, bei einer Bewirtung des vegetarischen Piloten mit Käse-Sandwiches und, wie er abends gegenüber der Westberliner Presse schmunzelnd berichten konnte, bei einem Handstand in dem Büro als Erklärung zu der ihm gestellten Frage, was unter Yoga zu verstehen sei. Übrigens war der Swami erstaunt darüber, daß man in ein „riesiges Gebäude“ gekommen war, „in dem es etwas gab, das sie Paternoster nannten. Solch einen Fahrstuhl kannte ich noch nicht“ (BZ 16.9.83).

Die Aufzeichnungen der Stasi sind betont zurückhaltend, sie verdeutlichen, was mit der „informatorischen Befragung“ gemeint war. Zuerst wurde festgestellt, dass der Pilot Yogalehrer war, zugleich Präsident einer nicht unbedeutenden Yoga-Organisation und bereits im August mit der Propagierung des Fluges begonnen hatte, zeitgleich durchzuführen mit einem in Westberlin stattfindenden „Friedensfestival“. Dazu wurde in London das Fluggerät – ein Metallleichtbau, dessen Tragflächen und Leitwerk mit Nylon bespannt waren und der einen Kleinstmotor aufwies – erworben und später auf einem Lkw versteckt nach Westberlin gebracht. Swami hatte, wenngleich keine Lizenz, bereits Flugerfahrung. So war er zusammen mit dem Schauspieler Peter Sellers 1971 in den Krisenherd Nordirland geflogen, um dort seine Friedensmission erfüllen zu können. Auch diesmal versicherte er mehrfach, daß „sein Flug ausschließlich dem Frieden dienen sollte und keinerlei die DDR schädigende Absichten verfolgt“ wurden. Was den Flug selbst betrifft, so gab es, um ein vorzeitiges Einschreiten durch die UdSSR oder die DDR zu vermeiden, keinen konkreten Starttermin. Erst in der Nacht vom 14. zum 15.9. fiel die Entscheidung. Nach dem Bericht fand der Start am Lietzensee statt, was sicherlich der Ortsunkenntnis des Piloten zuzuordnen war, denn in dieser Gegend wäre ein solches Fluggerät viel zu auffällig gewesen. Tatsächlich dürfte, wie dann in den Presseberichten erwähnt, Startort ein Rieselfeld bei Gatow gewesen sein, dann der Flug zum Potsdamer Platz, der gemäß Meldung der Grenztruppen gegen 7.15 Uhr im Bereich der Stresemannstraße passiert wurde. Bei der Pressekonferenz am Nachmittag erläuterte Swami, er sei gestartet in der Absicht, auf dem Alexanderplatz zu landen und dort, in aller Öffentlichkeit seine Mission zu erläutern. Doch diesiges Wetter hätte dies verhindert und ihn schließlich nach Weißensee auf den Acker verschlagen. Dem widerspricht heute das in Potsdam vorhandene Archiv des damaligen Staatlichen Wetterdienstes der DDR, das für das Ost-Berliner Zentrum an dem fraglichen Tage von einer 4 Kilometer freien Sicht spricht. Es kann also andere Hinderungsgründe gegeben haben, auf einem relativ engen und von hohen Gebäuden gesäumten Platz zu landen. Die „Polizisten“ ließen es natürlich nicht beim Zuhören bewenden. Sie gaben zu bedenken, dass eine Grenzverletzung, dazu mit einem Fluggerät, auch hätte anders auslaufen können. Mindestens strafrechtliche Konsequenzen wurden angedeutet. Nicht nur DDR-seitig, sondern auch in West-Berlin, das ja zu dieser Zeit unter alliierten Rechtsgrundsätzen existierte, nach denen Fliegen im Stadtgebiet ausdrücklich bei Strafe verboten war – worauf in den durchgeführten Vorgesprächen sowohl die Polizeibehörden als auch das us-amerikanische Konsulat warnend hingewiesen hatten. Am Ende des Dialogs in der Keibelstraße stand nach förmlicher Verwarnung und Belehrung gegen 13 Uhr die Ausweisung des Mannes, durchzuführen über den Ausländer-Kontrollpunkt in der Friedrichstraße (Checkpoint Charly) [oder Bahnhof Friedrichstraße] sowie die Einziehung des für den Flug benutzten Gerätes. Weitere Folgen waren ein förmlicher Protest des Außenministeriums der DDR beim Senat – bereits am 12. August hatte es nach den ersten Hinweisen auf den beabsichtigten Flug eine Demarche auf diesem Wege gegeben - und eine Bitte an die sowjetische Seite, ihrerseits Protest bei den drei Westmächten einzulegen. Wie der Swami mit der Bahn den Weg zu der später stattfindenden Pressekonferenz fand, ließ sich nicht ermitteln. Den ausführlichen Berichten in verschiedenen Zeitungen des folgenden Tages konnte man entnehmen, dass der Donnerstag für den welterfahrenen Inder wirklich ein Abenteuer war und er den Schluß gezogen hatte, daß sein Einsatz erfolgreich gewesen sein muß.

Für die Bürger der DDR und besonders die Ost-Berliner blieb der ganze Vorfall ein Mysterium. Es wurde zutiefst geschwiegen, und nur eine einheitliche Meldung der Agentur ADN erschien am 16. September und informierte unter dem Titel: >Luftraum der DDR vorsätzlich verletzt< in 47 dürren Worten über den Vorfall. So wurde erreicht, daß selbst in der unmittelbaren Umgebung der Landestelle und den vielfältigen polizeilichen Aktivitäten kaum einer der Bewohner benachbarter Häuser davon Kenntnis erhielt. Auch 25 Jahre danach gab es bei neuen Befragungen kaum jemand, der hätte Auskunft erteilen können. 1983 wurden neben dem Landwirt, der als erster von dem Piloten angesprochen wurde (und der einige „Befragungen“ hatte über sich ergehen lassen, weil man von ihm dringlich hatte wissen wollen, ob vielleicht die Landung, dazu noch auf dem Territorium einer katholischen Einrichtung geplant gewesen sei), auch weitere Mitarbeiter des Krankenhauses sowie vier Schüler der Schule in der Sulzfelder Straße befragt. Von allen gab es offenbar jedoch keine verwertbaren Hinweise. Außer von den Schülern, die über das laute Geknatter der Maschine berichteten.

Das beschlagnahmte Flugzeug wurde unverzüglich der NVA in Strausberg zur Durchführung von Untersuchungen übergeben. Diese berechnete am 4. Oktober 1983 für den Einsatz Sachverständiger, Transportkosten und die Anfertigung des Gutachtens „gem. Preiskarteiblatt vom 26.1.82“ 4 070,- Mark der DDR und legte zugleich eine Vergleichs- und Abfindungserklärung bei. Mit dieser wurde der offizielle Verzicht auf Erhalt der berechneten Summe erklärt – weil dafür ohnehin keine Aussicht bestanden hätte. Bereits am 25. September hatte die VP-Inspektion Berlin-Weißensee die Einziehung des Gerätes „auf Basis § 45, Abs. 1 Buchst. B Absatz 4 der Grenzordnung der DDR vom 25.3.1982“ bestätigt. Ferner hieß es: „Eine Benachrichtigung des Genannten über die Entscheidung kann nicht erfolgen, da sich dieser außerhalb des Staatsgebietes der DDR aufhält, sein Aufenthaltsort unbekannt ist und sich in den mitgeführten Personaldokumenten keine Anschrift befand“.

Einiges erklärt sich teilweise aus einer in der Akte benannten „Vertraulichen Information“ ohne Absender, ohne Unterschrift, über Widersprüche zwischen Senatsdienststellen und der Bonner Berlin-Vertretung. Danach habe der Leiter der Abt. II der Senatskanzlei den Vorinformationen zum Flug nicht die nötige Beachtung geschenkt, da er sich mit dem Regierenden auf einem „Betriebsausflug“ in der DDR befunden habe, daher sei „das unter den Tisch gerutscht“. Über den „Betriebsausflug“ erfuhr die Öffentlichkeit auch am 16. September. Unter der Überschrift „Meine 4 Stunden bei Honecker“ berichtete die BZ dreispaltig über das erste Treffen zwischen dem Regierenden Bürgermeister von Weizsäcker und dem Generalsekretär Honecker, das am gleichen Tage wie Swamis Flug im Schloß Schönhausen stattgefunden hatte. Von Weizsäcker war also offensichtlich uninformiert nach Ost-Berlin geschickt worden. Ob Honecker während des Treffens über den Vorfall unterrichtet wurde, ist nicht bekannt. Es darf aber als gesichert angesehen werden, daß der insgesamt ungewöhnlich offene Verlauf der Dinge in der Keibelstraße auch darin seinen Ursprung hat, daß das Treffen in Niederschönhausen ungestört bleiben sollte.

Das Flugzeug wurde lt. Angaben der DDR verschrottet. Sofort nach der Öffnung der Grenzen durch den Piloten und seine Freunde unternommene Versuche, es wieder zurück zu erhalten, mussten daher ergebnislos bleiben. Auch ein auf der Straße unternommener Versuch bei dem damals an der Spitze des Staates stehenden Egon Krenz hatte keine Wirkung. Swami Vishnu-devananda ließ 1984 einen Londoner Doppeldecker-Bus mit dem Schriftzug >Yoga für den Frieden< versehen und auf eine Reise durch Europa, in die Türkei, durch den Iran, nach Afghanistan bis nach Indien schicken. 1993 starb er, seine Jünger jedoch verbreiten weiterhin die von ihm aufgestellten oder verbreiteten Lehren. Sein Ziel vom überall wirkenden Frieden konnte jedoch bislang nicht verwirklicht werden.

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