Im Laufe der zurückliegenden rund 200 Jahre hat das Gebiet um Weißensee wiederholt erleben können, daß
die Eroberung der Luft auf unterschiedliche Weise stattfinden kann und mit der 1788 erfolgten Landung des
Luftschiffers Blanchard am Rande von Karow die Fülle der friedlichen Kontakte zwischen Himmel und Erde
erst begonnen hatte. Der berühmte Restaurateur Sternecker, der das Schloß Weißensee zu
einem >Weltetablissement< gestaltet hatte, ließ ebenfalls Ballons aufsteigen, zum Teil vorsichtshalber mit
Tieren „bemannt“ sowie auch Männer und – damals sehr ungewöhnlich – wiederholt Frauen mit Fallschirmen über
dem Weißen See abspringen. Aus dem Jahre 1907 existieren Fotos, die, aus einem über dem Ort dahingleitenden
Ballon entstanden, klare Einsichten in den im Aufstreben begriffenen Vorort Berlins und vor allem das lebhafte
Baugeschehen dieser Zeit ermöglichten. Vor 25 Jahren jedoch geschah etwas, was alles bisherige in den Schatten
stellte:
Am 15. September 1983 gegen 7.45 Uhr landete auf dem erst kurz zuvor abgeernteten Feld des St.-Joseph-Krankenhauses –
heute befinden sich hier die Hansastraße und die inzwischen entstandenen Wohnbauten – ein Ultra-Leichtflugzeug
vom Typ >QUICK SILVER MX, gesteuert von seinem Piloten, Swami Vishnu Davananda, 55jährigem Inder mit kanadischem
Paß. Dieser traf zuerst auf den dort arbeitenden Verantwortlichen des Krankenhauses für dessen
landwirtschaftliche Tätigkeit und verlangte, schnellstens mit der Polizei Kontakt zu bekommen. Auf englisch
machte er deutlich, daß ihm an dem Zusammentreffen mit Polizisten sehr gelegen sei, da er sich für die Demonstration
friedlichen Lebens auf der Welt auf diese Reise gemacht habe. Es dauerte offenbar doch länger als erwartet,
daß Uniformierte eintrafen und Swami die eigens mitgebrachten Blumen, die zuerst den herbeigeeilten Mitarbeitern
des Krankenhauses überreicht worden waren, auch an die „Organe der Staatsmacht“ verteilen konnte. Der Mönch
wurde anschließend der Dienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit im Berliner Präsidium der Volkspolizei
übergeben, wo sich die „Gesprächspartner“ durchweg als Angehörige der Volkspolizei vorstellten,
natürlich nicht als Männer des Geheimdienstes. Hier fand die – wie es in den Aufzeichungen in der
„Birthler-Behörde“ heißt, - „informatorische Befragung“ statt. Daß sie so unverfänglich hieß und
nicht, wie bei einem Grenzverletzer zu erwarten, eine Vernehmung war, dürfte seine Ursache darin gehabt haben, daß
der Flug über die Mauer bereits längere Zeit vorher angekündigt worden war, die DDR wohl an betont
friedensstiftenden Maßnahmen nicht unbeteiligt bleiben wollte und ausgerechnet an diesem Tage der neue
Regierende Bürgermeister von Berlin(West) zu einem „Betriebsausflug“ in der DDR war. So blieb es bei freundlichen
Gesprächen, bei einer Bewirtung des vegetarischen Piloten mit Käse-Sandwiches und, wie er abends
gegenüber der Westberliner Presse schmunzelnd berichten konnte, bei einem Handstand in dem Büro als
Erklärung zu der ihm gestellten Frage, was unter Yoga zu verstehen sei. Übrigens war der Swami erstaunt
darüber, daß man in ein „riesiges Gebäude“ gekommen war, „in dem es etwas gab, das sie Paternoster nannten.
Solch einen Fahrstuhl kannte ich noch nicht“ (BZ 16.9.83).
Die Aufzeichnungen der Stasi sind betont zurückhaltend, sie verdeutlichen, was mit der „informatorischen Befragung“
gemeint war. Zuerst wurde festgestellt, dass der Pilot Yogalehrer war, zugleich Präsident einer nicht
unbedeutenden Yoga-Organisation und bereits im August mit der Propagierung des Fluges begonnen hatte, zeitgleich
durchzuführen mit einem in Westberlin stattfindenden „Friedensfestival“. Dazu wurde in London das Fluggerät –
ein Metallleichtbau, dessen Tragflächen und Leitwerk mit Nylon bespannt waren und der einen Kleinstmotor aufwies –
erworben und später auf einem Lkw versteckt nach Westberlin gebracht. Swami hatte, wenngleich keine Lizenz,
bereits Flugerfahrung. So war er zusammen mit dem Schauspieler Peter Sellers 1971 in den Krisenherd Nordirland
geflogen, um dort seine Friedensmission erfüllen zu können. Auch diesmal versicherte er mehrfach, daß
„sein Flug ausschließlich dem Frieden dienen sollte und keinerlei die DDR schädigende Absichten verfolgt“
wurden. Was den Flug selbst betrifft, so gab es, um ein vorzeitiges Einschreiten durch die UdSSR oder die DDR zu
vermeiden, keinen konkreten Starttermin. Erst in der Nacht vom 14. zum 15.9. fiel die Entscheidung. Nach dem Bericht
fand der Start am Lietzensee statt, was sicherlich der Ortsunkenntnis des Piloten zuzuordnen war, denn in dieser
Gegend wäre ein solches Fluggerät viel zu auffällig gewesen. Tatsächlich dürfte, wie dann in den Presseberichten
erwähnt, Startort ein Rieselfeld bei Gatow gewesen sein, dann der Flug zum Potsdamer Platz, der gemäß
Meldung der Grenztruppen gegen 7.15 Uhr im Bereich der Stresemannstraße passiert wurde. Bei der Pressekonferenz am
Nachmittag erläuterte Swami, er sei gestartet in der Absicht, auf dem Alexanderplatz zu landen und dort, in
aller Öffentlichkeit seine Mission zu erläutern. Doch diesiges Wetter hätte dies verhindert und ihn
schließlich nach Weißensee auf den Acker verschlagen. Dem widerspricht heute das in Potsdam vorhandene Archiv
des damaligen Staatlichen Wetterdienstes der DDR, das für das Ost-Berliner Zentrum an dem fraglichen Tage von einer
4 Kilometer freien Sicht spricht. Es kann also andere Hinderungsgründe gegeben haben, auf einem relativ engen
und von hohen Gebäuden gesäumten Platz zu landen. Die „Polizisten“ ließen es natürlich nicht beim Zuhören
bewenden. Sie gaben zu bedenken, dass eine Grenzverletzung, dazu mit einem Fluggerät, auch hätte anders
auslaufen können. Mindestens strafrechtliche Konsequenzen wurden angedeutet. Nicht nur DDR-seitig, sondern auch
in West-Berlin, das ja zu dieser Zeit unter alliierten Rechtsgrundsätzen existierte, nach denen Fliegen im
Stadtgebiet ausdrücklich bei Strafe verboten war – worauf in den durchgeführten Vorgesprächen sowohl
die Polizeibehörden als auch das us-amerikanische Konsulat warnend hingewiesen hatten.
Am Ende des Dialogs in der Keibelstraße stand nach förmlicher Verwarnung und Belehrung gegen 13 Uhr die
Ausweisung des Mannes, durchzuführen über den Ausländer-Kontrollpunkt in der Friedrichstraße
(Checkpoint Charly) [oder Bahnhof Friedrichstraße] sowie die Einziehung des für den Flug benutzten Gerätes.
Weitere Folgen waren ein förmlicher Protest des Außenministeriums der DDR beim Senat – bereits am 12.
August hatte es nach den ersten Hinweisen auf den beabsichtigten Flug eine Demarche auf diesem Wege gegeben -
und eine Bitte an die sowjetische Seite, ihrerseits Protest bei den drei Westmächten einzulegen. Wie der
Swami mit der Bahn den Weg zu der später stattfindenden Pressekonferenz fand, ließ sich nicht ermitteln. Den
ausführlichen Berichten in verschiedenen Zeitungen des folgenden Tages konnte man entnehmen, dass der Donnerstag
für den welterfahrenen Inder wirklich ein Abenteuer war und er den Schluß gezogen hatte, daß sein
Einsatz erfolgreich gewesen sein muß.
Für die Bürger der DDR und besonders die Ost-Berliner blieb der ganze Vorfall ein Mysterium. Es wurde zutiefst
geschwiegen, und nur eine einheitliche Meldung der Agentur ADN erschien am 16. September und informierte unter dem
Titel: >Luftraum der DDR vorsätzlich verletzt< in 47 dürren Worten über den Vorfall. So wurde erreicht,
daß selbst in der unmittelbaren Umgebung der Landestelle und den vielfältigen polizeilichen Aktivitäten
kaum einer der Bewohner benachbarter Häuser davon Kenntnis erhielt. Auch 25 Jahre danach gab es bei neuen
Befragungen kaum jemand, der hätte Auskunft erteilen können. 1983 wurden neben dem Landwirt, der als erster von
dem Piloten angesprochen wurde (und der einige „Befragungen“ hatte über sich ergehen lassen, weil man von ihm
dringlich hatte wissen wollen, ob vielleicht die Landung, dazu noch auf dem Territorium einer katholischen
Einrichtung geplant gewesen sei), auch weitere Mitarbeiter des Krankenhauses sowie vier Schüler der Schule in
der Sulzfelder Straße befragt. Von allen gab es offenbar jedoch keine verwertbaren Hinweise. Außer von den
Schülern, die über das laute Geknatter der Maschine berichteten.
Das beschlagnahmte Flugzeug wurde unverzüglich der NVA in Strausberg zur Durchführung von Untersuchungen
übergeben. Diese berechnete am 4. Oktober 1983 für den Einsatz Sachverständiger, Transportkosten und die
Anfertigung des Gutachtens „gem. Preiskarteiblatt vom 26.1.82“ 4 070,- Mark der DDR und legte zugleich eine
Vergleichs- und Abfindungserklärung bei. Mit dieser wurde der offizielle Verzicht auf Erhalt der berechneten
Summe erklärt – weil dafür ohnehin keine Aussicht bestanden hätte. Bereits am 25. September hatte die
VP-Inspektion Berlin-Weißensee die Einziehung des Gerätes „auf Basis § 45, Abs. 1 Buchst. B Absatz 4
der Grenzordnung der DDR vom 25.3.1982“ bestätigt. Ferner hieß es: „Eine Benachrichtigung des Genannten über
die Entscheidung kann nicht erfolgen, da sich dieser außerhalb des Staatsgebietes der DDR aufhält, sein
Aufenthaltsort unbekannt ist und sich in den mitgeführten Personaldokumenten keine Anschrift befand“.
Einiges erklärt sich teilweise aus einer in der Akte benannten „Vertraulichen Information“ ohne Absender,
ohne Unterschrift, über Widersprüche zwischen Senatsdienststellen und der Bonner Berlin-Vertretung. Danach
habe der Leiter der Abt. II der Senatskanzlei den Vorinformationen zum Flug nicht die nötige Beachtung geschenkt,
da er sich mit dem Regierenden auf einem „Betriebsausflug“ in der DDR befunden habe, daher sei „das unter den Tisch
gerutscht“. Über den „Betriebsausflug“ erfuhr die Öffentlichkeit auch am 16. September. Unter der
Überschrift „Meine 4 Stunden bei Honecker“ berichtete die BZ dreispaltig über das erste Treffen zwischen dem
Regierenden Bürgermeister von Weizsäcker und dem Generalsekretär Honecker, das am gleichen
Tage wie Swamis Flug im Schloß Schönhausen stattgefunden hatte. Von Weizsäcker war also offensichtlich
uninformiert nach Ost-Berlin geschickt worden. Ob Honecker während des Treffens über den Vorfall unterrichtet
wurde, ist nicht bekannt. Es darf aber als gesichert angesehen werden, daß der insgesamt ungewöhnlich
offene Verlauf der Dinge in der Keibelstraße auch darin seinen Ursprung hat, daß das Treffen in Niederschönhausen
ungestört bleiben sollte.
Das Flugzeug wurde lt. Angaben der DDR verschrottet. Sofort nach der Öffnung der Grenzen durch den Piloten und
seine Freunde unternommene Versuche, es wieder zurück zu erhalten, mussten daher ergebnislos bleiben. Auch ein auf der
Straße unternommener Versuch bei dem damals an der Spitze des Staates stehenden Egon Krenz hatte keine
Wirkung. Swami Vishnu-devananda ließ 1984 einen Londoner Doppeldecker-Bus mit dem Schriftzug >Yoga für den Frieden<
versehen und auf eine Reise durch Europa, in die Türkei, durch den Iran, nach Afghanistan bis nach Indien schicken.
1993 starb er, seine Jünger jedoch verbreiten weiterhin die von ihm aufgestellten oder verbreiteten Lehren. Sein
Ziel vom überall wirkenden Frieden konnte jedoch bislang nicht verwirklicht werden.